Wirkfaktoren von Selbsthilfe in der Suchkrankenhilfe

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zuletzt bearbeitet am Mai 6, 2018

Referat anlässlich des 20 Jährigen Bestehens der Kreuzbundgruppe Miesbach am 7. Oktober 2017

1. Einleitung

In unseren gemeinsamen Supervisionen mit den Kreuzbundgruppenleitern fallen uns immer wieder Mechanismen und Strukturen auf, die offensichtlich in den Gruppen für die Teilnehmer wirken. Hier entstand auch die Idee dieses Referates.

Lebenszufriedenheit, Abstinenzzuversicht und Soziale Unterstützung sind entscheidende Prädiktoren für eine abstinente Lebensweise.

Im generellen Vergleich „Nachsorge versus keine Nachsorge“ belegen die Ergebnisse eindeutig, dass alle Patienten, die an ihren Klinikaufenthalt oder ambulanter Entwöhnungsbehandlung etablierte Nachsorgemaßnahmen (ungeachtet der konkreten Ausgestaltung) anschließen, ein stabileres Abstinenzverhalten, eine höhere Abstinenzzuversicht, stärker ausgeprägte Kompetenz- und Kontrollüberzeugungen sowie ein positiveres Selbstbild erzeugen als die Patienten, die keine dieser Nachsorgeangebote annehmen. (Haller, 2011)

Um die Wirkmechanismen von Selbsthilfe und Selbsthilfegruppen zu verstehen, will ich zunächst ein Verständnis von der Wirkung und der Funktion von Alkohol entfalten.

2. Belastende Lebensereignisse und Sucht – für eine ätiologische Orientierung

Der epidemiologische Zusammenhang von belastenden Lebensereignissen und einer Suchtentwicklung ist wissenschaftlich gut belegt und dokumentiert.

Die grundlegende Studie wurde von (Felliti & Anda, 1997) erstellt.

Die große sogenannte Adverse Childhood Study (ACE-Studie) zeigt mit den Methoden der Epidemiologie, dass belastende Kindheitserfahrungen lebenslange schädigende psychische, physische und soziale Folgen haben. Chronischer Stress, sowohl als Folge von traumatischen Erfahrungen als auch von Alltagskränkungen und Verlusten (Stressor-Kontinuum), hat unspezifische Wirkungen, die die Wahrscheinlichkeit erhöhen, an irgendeiner psychische Störung (Psychose, ADHS, Störung des Sozialverhaltens, Depression, PTBS, Sucht, Persönlichkeitsstörung) zu erkranken.

17.400 Personen befragt nach ihren belastenden Kindheitserfahrungen (ф Alter: 58 Jahre)

Ergebnisse:

  • „belastende Kindheitserfahrungen überraschend häufig und in den besten Familien auftreten, obwohl sie meist verborgen und unerkannt bleiben,
  • belastende Kindheitserfahrungen auch nach 50 Jahren noch tiefgreifende Auswirkungen haben, auch wenn sie sich jetzt von psychosozialen Erfahrungen in Erkrankungen (Essstörungen, Süchte, Depression, Suizidversuche, Diabetes, Herzerkrankungen) und soziale Beeinträchtigungen (eingeschränkte Arbeitsfähigkeit) gewandelt haben,
  • belastende Kindheitserfahrungen Hauptdeterminanten für Gesundheit und soziales Wohlergehen sind“.
  • Suizidrisiko: 1600% höher bei 4 Belastungsfaktoren

Belastungsfaktoren:

  • Wiederholter und schwerer körperlicher Missbrauch (11%)
  • Wiederholter und schwerer emotionaler Missbrauch (11%)
  • Sexueller Missbrauch (22%)

Aufgewachsen in einem Haushalt (mit):

  • einem Alkoholkranken oder Drogenkonsumenten (25%)
  • einem Familienmitglied im Gefängnis (3%)
  • einem psychisch kranken, chronisch depressiven oder einem in eine Anstalt eingewiesenen Familienmitglied (19%)
  • in dem die Mutter körperlich misshandelt wird (12%)
  • beide Eltern nicht vorhanden waren (22%)

Traumatischer und chronischer Stress hat eine unspezifische schädigende Wirkung und kann im Prinzip jede psychische Störung zur Folge haben.

Es gibt einen Dosiseffekt zwischen der Anzahl der belastenden Faktoren und der Schwere und Komplexität der Symptomatik (Komorbidität).

Bad Input – bad Outcome

Mal angenommen, es gäbe keine belastenden Kindheitserlebnisse, dann gäbe es 50% weniger Drogenmissbrauch, 54% weniger Depression, 65% weniger Alkoholerkrankung, 67% weniger Selbstmordversuche, 78% weniger intravenösen Drogenkonsum. (Teicher, 2015)

Belastende Lebensereignisse haben weitreichende Folgen, sie führen zu chronischen Stress und haben zur Folge, dass die Patienten schon als Kinder und Jugendliche ihre Entwicklungaufgaben oft nicht meistern. Soziale, emotionale und kognitive, somatische Beeinträchtigungen sind die Folge. Beginn gesundheitsschädlichen Verhaltens zur Stressorkompensation, chronische Erkrankungen können die Folge sein. Menschen mit belastenden Kindheitserfahrungen von mehr als 5 Faktoren sterben bis zu 20 Jahre früher.

Laut Teicher (Teicher, 2015)  ein amerikanischer Neurowissenschaftler, gibt es zwei besonders sensible Phasen in der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Im Alter von 3 – 5 Jahren (besonders Jungs) Ablehnung und Vernachlässigung und bei Mädchen am Anfang der Pubertät im Alter von 12 – 15 Jahren im Bereich sexueller Missbrauch.

 

3. Die Symptomatik als stressorkompensatorisches Schema

Das Symptom kann in diesem Zusammenhang als dysfunktionaler Versuch angesehen werden, diesen chronischen Stress zu regulieren. Welche Funktion hat der Alkohol in der Regulierung?

Die Kompensation kann darin bestehen, dass die Symptomatik zunächst zu helfen scheint…

  • ein Kontrollgefühl zu empfinden. Dies ist bei Zwangsstörungen und bei der Anorexie offensichtlich, kann aber auch bei vielen anderen Störungsbildern beteiligt sein.
  • belastende Gefühle direkt zu vermeiden.
    Hier sind Angststörungen aller Art gemeint, aber auch Sucht.
  • das Fühlen und Spüren an sich zu betäuben.
    Dissoziative Symptome, depressive Zustände und Suchtmittelmissbrauch bringen es mit sich, dass belastendes Erleben nicht mehr gespürt wird.
  • eine unmittelbare Spannungsabfuhr zu bewirken.
    Hierzu zählen Impulskontrollstörungen jeglicher Art und spezifische Formen von Störung
  • eine ständige Suche nach einer Wiederholung einer „guten Erfahrung“ Dies steht paradigmatisch für Verhaltenssüchte (Rauchen, Spielsucht, etc.).
  • eine große Komplexität zu entwickeln, die dem Klienten eine größere Vielfalt von kompensatorischen Handlungsmöglichkeiten bietet. 
(Hensel, 2017)

Das funktioniert in Hinblick auf Alkohol nur eine begrenzte Zeit. Der Suchtmittelkonsum entwickelt sich zu einem eigenen Problem mit eigener schädigender Wirkung.

Das kann bei Alkohol lange dauern. Im Schnitt kann jemand, der Alkohol ganz gut verträgt ca. 10 Jahre lang gesundheitsschädlich und missbräuchlich Trinken, bevor er die Einschränkungen krankheitswertig erlebt. Das ist eine lange Zeit.

Was passiert, wenn man dann zum Trinken aufhört. Die alten Konflikte, die Verletzungen und der Stress sind ja noch vorhanden und kommen dann erst recht hoch. Wie, wenn man aus einem See das Wasser auslässt, die Steine und Felsen kommen zum Vorschein .

4. Behandlungsstrategien

Der Verzicht auf Alkohol alleine genügt nicht. Es braucht neue Verarbeitungs- und Bewältigungsstrategien und persönliche Entwicklung.

Nach Klaus Grawe (einem Therapieforscher) sind die Wirkfaktoren einer gelingenden Psychotherapie:

  • Ressourcenaktivierung
  • Problemaktualisierung
  • Problembewältigung
  • motivationale Klärung
  • Therapiebeziehung (Grawe, 2004)

Nach dem Behandlungsalgorithmus einer Traumafokussierten und stressorfokusierten Therapie sind die Behandlungsschritte Stabilisierung, Traumakonfrontation und Traumaintegration.

Es steht außer Frage, dass der Erfolg einer Suchtbehandlung, ob stationär oder ambulant in Kombination mit dem Besuch einer Selbsthilfegruppe wesentlich verbessert und auf Dauer gesichert wird. (Haller, 2011) Das gilt im Besonderen im ersten Jahr nach einer Behandlung und auf lange Sicht für die ersten fünf Jahre. Katamnestische Untersuchungen zeigen, dass die die Teilnehmer an Selbsthilfegruppen die besten Chancen haben.

Die Kombination Suchtbehandlung – Selbsthilfe ist besser als die Kombination Suchtbehandlung und ambulante Psychotherapie oder Suchtbehandlung oder Psychotherapie oder Selbsthilfe alleine. Beide Systeme brauchen einander.

5. Wirkfaktoren von Selbsthilfe

Was macht also den Erfolg? Wie machen die das?

Sie erinnern sich: Lebenszufriedenheit, Abstinenzzuversicht und Soziale Unterstützung sind wichtige Prädiktoren für eine abstinente Lebensweise.

Der Kreuzbund wirkt schon allein deshalb, weil es ihn gibt. Allein die Möglichkeit und das Angebot des Gruppenbesuchs hat stabilisierende Wirkung. Aber es ist natürlich noch mehr.

Mit dem Verständnis, dass Alkohol den dysfunktionalen Versuch darstellt, inneren Stress und Belastungen zu kompensieren, macht der Besuch einer Selbsthilfegruppe Sinn.

Der Besuch einer Selbsthilfegruppe dient zur Stabilisierung und unterstützt die Orientierung und die Strukturierung im Hier und Jetzt, in der Gegenwart.

Die Zeit der Belastung ist vorbei, ist Vergangenheit. Heute kümmere ich mich um mich.

Die Selbsthilfegruppe ist eine Ressource im Leben der Teilnehmer. Der Kontakt zu den Gruppenmitgliedern schafft Bindung, Gemeinschaft, Integration und psychische und körperliche Beruhigung.

Die Teilnehmer fühlen sich als Person in einer Gemeinschaft, mit einer eigenen Biographie, eigenen Idee und eigener Autonomiebestrebung.

Inhalte sind:

  • Die Erfahrung von Selbstwertgefühl (Ich bin wertvoll)
  • Ehrlich sein und Schwäche zeigen. Es geht nicht darum etwas vorzumachen, sondern um reifes Verhalten. Nicht das Leugnen, sondern der ehrliche Umgang mit sich.
  • Neues soziale Umfeld – alkoholfreie Geselligkeit
  • Sich um sich kümmern (sich selbst und anderen zum Freund, Freundin werden)
  • Sich abgrenzen lernen
  • Aufgefangen werden
  • Innehalten und reflektieren, wo ich stehe ich gerade mit mir und meinem Leben
  • Für sich und sein Leben wirksam sein
  • Ressourcen und Stärken kennen lernen, sich darüber bewusst werden, benennen
  • Von anderen etwas annehmen (Ergebnis Männerseminar 2017)

5.1. Jeder hilft sich selbst, und hilft damit dem anderen sich selbst zu helfen (Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) e.V, 2000)

Dass das alles tatsächlich passiert, versteht man wenn man sich den Ablauf einer Selbsthilfestunde anschaut.

Jeder spricht für sich, über das, was er erlebt. Die anderen haben die Möglichkeit das Gesagte und Erlebte mit dem eigenen Leben abzugleichen und zu nehmen was man für sich brauchen kann. Er werden keine Ratschläge erteilt. Aber man Profitiert von den Erfahrungen und dem Wissen der alten Hasen. (Stichwort Psychoedukation)

Die Teilnehmer erleben, wie andere mit Problemen umgehen. Man steht nicht alleine da, die Zuversicht wächst. Jeder ist für sich selbst verantwortlich. Nur Tun musst du es selber.

5.2. Prinzip der Gruppenarbeit

  • Alle Gruppenmitglieder sind gleichgestellt. – Jedes Gruppenmitglied bestimmt über sich selbst.
  • Jedes Gruppenmitglied geht um seiner selbst willen in die Gruppe. – Was in der Gruppe gesprochen wird, bleibt in der Gruppe.
  • Die Gruppe ist selbstverantwortlich.
  • Es gibt keine Einmischung in Gruppenprozesse durch professionelle bzw. hauptamtliche Helfer.
  • Die Teilnahme ist kostenlos.

5.3. Die Organisation des Kreuzbund

Der Kreuzbund bietet seinen Mitgliedern und vor allem den Gruppenleitern eine hervorragende Struktur und Angebot:

  • Supervision für Gruppenleiter
  • Gruppenleiteraus- und Fortbildungen
  • Freizeiten und Aktivitäten
  • Politische Vertretung

6. Ausblick

Die Selbsthilfegruppen leisten einen wertvollen Beitrag zur Lebensqualität der Einzelnen, und deren Angehörigen. Sie leisten einen Beitrag zur sozialen Sicherheit in unserem Land.

Ich wünsche euch viel Erfolg für die nächsten 20 Jahre und hoffe, dass wir uns bei der 40 Jahr Feier wiedersehen.

7. Literaturverzeichnis

Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) e.V. (2000). Selbsthilfe Sucht.
Felliti, V., & Anda, R. (1997). The Adverse Childhood Experiences (ACE) study. Atlanta, GA: Center for Disease Control and Prevention …, 1–2.
Grawe, K. (2004). Neuropsychotherapie (1. Aufl.). Göttingen: Hogrefe Verlag.
Haller, V. (2011). Alkoholabhängigkeit – Wirkfaktoren stationärer Therapie und ambulanter Nachsorge.
Hensel, T. (Hrsg.). (2017). Stressorbasierte Psychotherapie: Belastungssymptome wirksam transformieren – ein integrativer Ansatz. Kohlhammer W., GmbH.
Kreuzbund e.V. – Selbsthilfe für Suchtkranke und Angehörige.  Abgerufen 1. Oktober 2017, von https://www.kreuzbund.de/de/
Teicher, M. (2015). Childhood maltreatment, brain develpment and psychopathology. In Vortrag auf der 17. Jahrestagung der DeGPT. Innsbruck.

 

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